Seit dem 01.09 absolviere ich nun meinen Freiwilligendienst in der Einrichtung Dandelion Time in West Farleigh/Maidstone im Südosten der britischen Insel.
Nachdem ich einigen unter Euch schon vorab mit einigen Informationen füttern konnte, versuche ich mich hier an der Herkules-Aufgabe die Arbeitsweise Dandelions in einen übersichtlichen und lesbaren Artikel zu bringen.
Das Klientel
Kinder und Jugendliche im Alter von 6-ca 16 Jahren. Sie werden zumeist begleitet von ihrer Mutter oder einem anderen Verwandten, der das Schicksal des Kindes teilt. Sie kommen für gewöhnlich einmal pro Woche zu einer rund vierstündigen Session.
In ca. 70% der Fälle sind Kind und Mutter Opfer von häuslicher Gewalt geworden, meist physischer Gewalt und zuweilen auch psychischer bzw. seelischer Gewalt.
Psychische Gewalt
Zu letzterer zählt beispielsweise dauerhaftes Beleidigen oder Einschüchtern, das Ignorieren von Bedürfnissen oder das Unterlassen von Hilfeleistung. Außerdem gibt es eine Form der emotionalen Erpressung, die weit verbreitet ist, a la “wenn du mich liebst, dann machst du das und das.” Es bedarf, denke ich, keiner Erläuterung dessen, was man mit diesem Satz alles anstellen kann. Denn:
Ihr müsst Euch immer vor Augen halten, dass wir über Kinder sprechen. Und diese haben meist kein Gefühl für gut oder böse entwickeln können und sie lieben zumindest in jungen Jahren ihre Eltern bedingungslos, wie es jedes Kind tut, selbst wenn es vernachlässigt oder misshandelt wird.
Die Wunden psychischer Gewalt sind nur selten äußerlich sichtbar und damit auch sehr schwer, nur langfristig therapierbar. Darüber hinaus geht sie häufig natürlich mit körperlicher Gewalt einher.
Sexueller Missbrauch
Auch dieser ist nicht selten ein Schicksal, das Klienten – sowohl Mütter als auch Töchter und Söhne – teilen, die zu uns kommen. Das an sich ist selbstverständlich schon schlimm genug, leider sind die Konsequenzen oft nicht weniger drastisch: So kann es zu völlig verqueren Einschätzungen bei Mädchen und Frauen führen, davon auszugehen, dass sie durch sexuelle Gefälligkeiten bei männlichen Mitmenschen ein eigenes Anliegen durchsetzen können, weil sie es zuhause so gelernt und praktiziert haben.
Oder andererseits kommt es auch vor, dass sie eine tiefe Furcht gegenüber dem männlichen Geschlecht entwickeln, beispielsweise männliche Lehrer völlig ignorieren und auf plötzliche, ruckartige Bewegungen panisch reagieren.
Sozialer Hintergrund
In aller Regel haben wir es mit sozial-schwachen Kindern zu tun, die aus den schwierigen Bezirken der 100 000-Einwohner-Metropole Maidstone zu uns in den außerhalb gelegenen Ortsteil “West Farleigh” kommen.
Dort und auch in den Schulen herrscht zumeist hoher sozialer Druck, dem junge Menschen schon standhalten und sich dafür verstellen müssen; und das ohne sich wahrscheinlich überhaupt selbst zu kennen.
Außerdem haben wir es häufig auch mit “young carers” also jungen Müttern zu tun, die zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes noch nicht volljährig waren.
Ein weiterer Aspekt ist, dass die auftretenden Problematiken gewissermaßen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Man halte sich vor Augen, um wieviel schwieriger es für jemanden, der als Kind wenig Zuneigung, dafür Gewalt oder Erniedrigung von den Eltern erfahren konnte, sein muss, späterhin selbst ein fürsorglicher Vater oder eine verständnisvolle Mutter zu sein.
Konsequenzen
Natürlich hat jedes Kind letzten Endes seine eigene Geschichte und ich kann hier nicht alles abdecken, jedoch dürftet Ihr einen Eindruck der komplizierten Problematiken gewonnen haben.
Zur Schnittmenge der meisten Fälle gehört eine äußerst geringe Selbstachtung, ein Mangel an sprachlichen Ausdrucksvermögens, Schwierigkeiten anderer Menschen Gestik oder Mimik einzuschätzen und Kompensationsversuche vielerlei Art wie zum Beispiel exzentrische Überdrehtheit oder völlige Verschlossenheit.
Der Ansatz Dandelions
In einem Training als Prinzipien unserer Arbeit gelernt, werde ich versuchen die folgenden Worthülsen inhaltlich auch exemplarisch auszufüllen.
Child Centred
Mittelpunkt und erste Priorität bei Dandelion Time sind einzig allein die Kinder.
Daraus folgt zum einen: Die Kinder und vor allem deren geistige wie körperliche Unversehrtheit müssen bei jeder Aktivität gewährleistet sein. Außerdem wird bei einer möglichen Erweiterung wie der möglichen Anschaffung eines neuen Tieres immer abgewägt, welchen Nutzen und vor allem welche Risiken das einzelne Kind dabei hätte.
Auf der anderen Seite ist das ein wichtiger Punkt, weil einige die Mütter häufig objektiv gesehen dieselbe Hilfe und therapeutische Zuwendung benötigten und nicht selten auch dadurch beanspruchen, dass sie beispielsweise versuchen, den Großteil der Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Hier müssen wir dann mit einigem Fingerspitzengefühl intervenieren und das Kind gekonnt wieder in den Fokus der Aktivität oder Unterhaltung rücken.
Embedded Therapeutic Approach
Zu Deutsch “Eingebetteter therapeutischer Ansatz.” Darunter kann man so viel verstehen wie, dass die Therapie bei Dandelion nicht auf der Couch einer steril anmutenden Therapeutenpraxis stattfindet, sondern hier gewissermaßen in die Aktivitäten integriert ist, so par exemple lenken die Therapeuten den Dialog mit einem Kind beim Schälen von Äpfeln für den “Apple Crumble” bewusst auf ein bestimmtes Thema im besten Fall natürlich vom Kind unbemerkt. Oder aber wird einem Kind mit Berührungsängsten vor Männern bei Holzarbeiten nach und nach erst von einer Therapeutin vorsichtig herangeführt, indem das Kind gebeten wird, die Handhaltung der Therapeutin zu korrigieren. Das tut das Kind möglicherweise ohne es wirklich zu realisieren, unterbewusst ist die Wirkung jedoch größer und es kann die Angst graduell abbauen.
Nature as Partner – Die heilsame Kraft der Natur
Die in meinen Augen wahrscheinlich wichtigste Komponente unter vielen wichtigen.
Und es fängt mit dem genauso klischeehaften, wie manches mal traurigerweise zutreffenden Frage nach der Herkunft von Eiern. Im größeren Kontext würde ich es nennen, einen “Sinn für Leben zu entwickeln.”
Um vom plakativen Eierbeispiel wegzukommen: Wer im Garten im Spätherbst Naturdünger in ein Beet eingräbt, im Frühling anfängt Karotten und Kartoffeln zu setzen, über das Jahr verteilt auch Unkraut jätet und dann im Sommer bzw. Herbst das Erfolgserlebnis der Ernte hat, der hat nicht nur gelernt, dass Gemüse nicht im Hinterzimmer eines Tesco-Supermarkts hergestellt wird.
Vielmehr wird hierbei eine Ahnung von essentiellen Wirklichkeiten des Lebens vermittelt. So kann es für keinen Heranwachsenden falsch sein, zu erfahren was es heißt für eine Sache am Ball zu bleiben, sich um über einen längeren Zeitraum um etwas kümmern, sich in Geduld üben zu müssen, ein Projekt zu haben und am Ende buchstäblich dessen Früchte zu erneten.
Sollte das Kind diese Gartenerfahrung dann auch auf Alltagssituationen, auf schulischen Erfolg oder zwischenmenschliche Beziehungen analog- bewusst oder unbewusst – zu übertragen wissen, dann wäre das der “Sinn für Leben,” den ich meine.
Nichtsdestoweniger darf das Offensichtliche nicht unerwähnt bleiben: So bestimmt die Atmosphäre wesentlich – und in unserem Fall die natürliche Umgebung – , inwiefern sich die Klienten gedanklich von ihrem problembehafteten Alltag zu lösen imstande sind.
Hat man einmal einen sonst verschreckten und in sich gekehrten Siebenjährigen gesehen, der nach anfänglicher Furcht vorsichtig ein Kaninchen streichelt und zum ersten mal ein echtes Lächeln auf seinen Lippen zeigt, vertieft sich der Eindruck von der Wirkung der Natur.
Sense of Community
Da wir es größtenteils mit in sich gekehrten Außenseitern, jedoch auch mit extrovertierten Draufgängern zu tun haben, ist es auch immer eine Aufgabe, eine Balance im Umgang zu schaffen.
Die Außenseiter fühlen sich meistens in ihrer zurückgezogenen Rolle wohler, beobachten lieber und reden ungerne und von sich aus meist gar nicht.
Der andere Typ ist es gewohnt, dass er in einer Gruppe präsenter ist oder auch nur in einem Gespräch den größeren Redeanteil innehat und sich häufig im Mittelpunkt befindet. Auch hier wieder: das muss dieser nicht zwangsläufig absihtlich bzw. bewusst tun.
Bei Dandelion Time wird deshalb besonderer Wert auf das gemeinsame Essen am Tisch gelegt, mit dem jede Session endet. Um ein möglichst gesundes Gespräch zu erzeugen, versucht ein Mitarbeiter ein wenig zu moderieren, um auch die erstgenannte Art Kinder miteinzubeziehen und die zweite im Zaum zu halten. Die anderen Mitarbeiter schalten sich immer wieder unterstützend ein.
Eine gemeinsame Mahlzeit am Esstisch ist auch deshalb so wichtig, weil sie in den Familien aus verschiedenen Gründen nur noch selten stattfindet; sei es, weil entweder nicht mehr gekocht wird, weil die Arbeitszeiten einer alleinerziehenden Mutter es nicht zulassen oder aber man hat es sich angewöhnt, das Essen während dem Fernsehen oder X-Box spielen zu sich zu nehmen.



























